Versuch über den Tod

Als ich jung war, hatte ich keine Angst vor dem Tod, weil ich nicht an ihn gedacht habe. Nun, da ich älter bin, habe ich keine Angst mehr, weil ich irgendwie schon darüber hinaus bin. Man sagt ja, alle Ängste seien nur Derivate der Todesangst, dem würde ich widersprechen. Denn Ängste habe ich leider schon: Angst, zu wenig Geld zu haben, meinen Job zu verlieren, zu recht völlig unbeliebt zu sein usw. aber vor dem Tod ? Nein, umgekehrt wäre der Tod eher eine Befreiung von den übrigen Ängsten und Sorgen. Buddhistisch gesprochen, hafte ich sehr wohl noch an, aber erstaunlicherweise nicht am Leben. Das ist nicht überheblich gesprochen, ich wundere mich selbst darüber, aber es ist so. Der Tod ist für mich ein Ende, ein absolutes Ende, keine Seelenwanderung, kein Paradies, keine gerechte Hölle oder so was, sondern nur ein Ende. Wenn mein Körper stirbt, dann sterbe ich auch, bzw. wenn ich bis dahin (das wäre schon ein Ziel) ichlos bin, stirbt noch nicht einmal das, dann stirbt eben nur mein Körper. Da aber mein Körper gewissermaßen in meinen Kindern fortlebt, stirbt noch nicht einmal er (Weiteres dazu in „Warum wir nicht sterben können). Eine Seele ist, soweit es sinnvoll ist, darüber zu sprechen, eine Funktion eines Geistes und eines Körpers, wenn also kein Körper mehr, auch keine Funktionen diese Körpers mehr.

Wenn mein Körper stirbt, dann sterben weder alle Körper noch hört die Materie auf, zu existieren. Genauso wenig stirbt der Geist, wenn mein Geist stirbt, der ein Teil des großen Geistes ist, sowie mein Körper ein Teil der belebten Materie war. Das Merkwürdige an allen Vorstellungen über ein Weiterleben nach dem Absterben des Körpers ist ja, dass dies immer in einer irgendwie individuelle Form geschehen soll. Im Christentum soll tatsächlich meine Seele irgendwie ins Paradies fliegen, im Buddhismus meine Seele irgendwie weiterleben, entsprechend meines Karmas. Das find‘ ich alles irre. Ich kann mir ein Individuum nur als ein Körper vorstellen, der halt ein solcher oder solcher ist, und dann auch solche oder solche Funktionen erzeugt. Aber Individuen im Himmel ? Das ist verrückt bzw. einfach nur die Spitze des Narzissmus. Gut und da komm‘ ich dann auch wieder mit: wer es also nicht geschafft hat, bis zu seinem Tod, den allerkindischsten Narzissmus zu überwinden, der hat natürlich Angst vor dem Tod, bzw. braucht dann die Tröstung der Religion gegen diese Angst. Und dass sich Religionen im Allgemeinen auf diesen Dienst herabgelassen haben spricht nicht gerade für sie. Da ist der Buddhismus schon ein wenig zu loben, der ja zwar ein Weiterleben der Seele verspricht, aber kein Paradies oder gar 10000 Jungfrauen, sondern die Erlösung tatsächlich im Aufhören dürfen sieht. Aber warum dann nicht schneller ? Kann ich nicht Aufhören dürfen, wenn es sehr nahe liegt, dass ich aufhöre, dann nämlich, wenn mein Körper aufhört ? Muss die Strafe des Weiterlebens denn sein ? nur damit es eine Bedrohung für schlechte Taten gibt ? Ist der Mensch nicht schon in seinem hiesigen Leben genug durch seine schlechten Taten gestraft ? Nun gibt es ja viele Beispiele von schrecklichen Menschen, die anderen großes Unrecht antun aber dennoch sehr glücklich und selbstzufrieden aussehen. Davon kommt ja wahrscheinlich auch die religiöse Idee eines höheren Strafgerichts, das hat F.N. schon genügend ausgeführt.

Der Tod ist, wenn man einmal den ursprünglichen Narzissmus, der in jungen Jahren eine Lebensnotwendigkeit ist, überwunden hat, in der Tat eine Erlösung. Die ursprüngliche Todesangst des Menschen bezieht sich gar nicht auf den eigenen Tod, sondern auf auf die bange Frage, was machen meine Angehörigen, wenn ich nicht mehr da bin. Das ist eine ernsthafte und gerechtfertigte Frage, zumal wenn kleine Kinder da sind. Die andere Frage, was ist mit mir, wenn ich tot bin ist dagegen eigentlich lächerlich, denn dann bin ich ja schon tot (und ich weiß das im Grunde auch).

Der Tod kommt auch nicht zu mir, so à la Sensenmann, sondern eher gehe ich zu ihm, ich bin es, der stirbt, es bringt mich ja keiner um, deshalb ist auch der Tod selbst nichts als eine Projektion, eine Veräußerung von etwas, das zutiefst zu mir gehört, das zutiefst mir gehört. In mein Leben war schon immer der Tod eingeboren, das ist auch gut so, gerade das ist tröstlich, dass auch ich in den ewigen Wechsel von Werden und Vergehen eingebunden bin. Ich bin nicht fremd hier, auch wenn ich denken kann, ich gehöre trotzdem zu euch, ihr Kreaturen der Welt, denn ich bin geboren und sterbe so wie ihr. Und dass ich sterbe so wie ihr, hat auch den gleichen Grund, wie bei euch, nur es ist etwas komplizierter, weil ich eben denken kann: Ich sterbe, weil ich nach einer Weile keine Phantasie mehr habe, oder keine Energie, eine neue Version zu erfinden auf die Grundwidersprüchlichkeit des Lebens: Dass ich denken kann, dass ich geistig etwas herstellen oder an etwas teilhaben kann, das selbst nicht Natur ist, und doch diese Fähigkeit nur deshalb existiert, weil ich Natur bin. So bin ich immer zwischen Geist und Natur hin und her geworfen und mein Leben besteht in nichts anderem, als in diesem Sturm irgendwie zu steuern, bis ich eben keine Kraft mehr habe, oder keine Lust.

Ihr, die ihr nur Natur seid, erlebt den gleichen Sturm von Antrieb und Widerstand bis euch eben auch die Versionen ausgehen. Ob das schnell geht, wie wie bei der Eintagsfliege oder lang dauert, wie bei der Grannenkiefer, die 5000 Jahre alt werden kann, ist eigentlich egal.

Wohin geht das Leben ? In den Tod natürlich, lächelnd und stolz, weil es weiß, dass es immer Sieger bleiben wird. Denn es hat ja den Tod erzeugt, nicht umgekehrt.

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