Buchbesprechung: Jenseits des Selbst

Bibliografische Angaben: Wolf Singer/Matthieu Ricard, Jenseits des Selbst, Dialoge zwischen einem Hirnforscher und einem buddhistischen Mönch, Berlin 2017

In dem Buch „Jenseits des Selbst“ diskutieren die Autoren Wolf Singer und Matthieu Ricard zentrale Fragen, die philosophisch interessierte Menschen aus dem westlichen Kulturkreis bei der Beschäftigung mit dem Buddhismus stellen. Das Spannende an der Diskussion ist einerseits der große Überblick beider Wissenschaftler in ihren Gebieten, andererseits ihre große Offenheit für die jeweils fundamental unterschiedlichen wissenschaftlichen Beschreibungssysteme. Damit ist das Buch auch ein Musterbeispiel für eine argumentative Diskussionskultur, die versucht, die Grenzen des eigenen Beschreibungssystems zu überschreiten.

In dem Buch bleiben, das kann und soll nicht anders sein, einige Fragen offen, mit denen sich der folgende Text befasst:

Eine der ungelösten Fragen des Buches steht u.a. auf Seite 270: „Es geht darum, ob bloße Gedanken oder Einsichten, die im Bewusstsein auftreten ausreichen, um zukünftige neuronale Prozesse zu beeinflussen“ oder: „Du gehst aber wohl davon aus, dass das Bewusstsein selbst auf die weiteren neuronalen Prozesse einwirkt“.

Diese beiden von Wolf Singer geäußerten Fragen sind von fundamentaler Bedeutung, da WS immer wieder betont, dass Gedanken und Vorstellungen das Resultat neuronaler Prozesse sind und nicht deren Ursache. Das ist für WS deshalb wichtig, weil er eine duale Welterklärung (Die Welt besteht aus Materie und Bewusstsein) wie sie auf schärfsten von Descartes vertreten wurde, ablehnt. Matthieu Ricard entgegnet dieser These auf zwei Ebenen: Zum einen widerspricht er grundsätzlich der Dualität der Welt, da sowohl die Materie als auch das Bewusstsein Konstruktionen seien, demnach auch ihre Dualität ohne intrinsische Qualität. Auch WS bekennt sich zum Konstruktivismus z.B. S. 140: „In diesem Sinne sind Wahrnehmungen immer Konstrukte“. Dies gilt jedoch anscheinend nicht für die materielle Welt insgesamt, die er als Grundlage von allen anderen Prozessen ansieht. Es scheint sich hier also um ein Kantisches Ding an sich zu handeln.

Zum anderen begegnet MR dem Argument mit dem hermeneutischen Zirkelargument, dass jede Aussage über Materie oder materielle Welt ja schon Bewusstsein voraussetzt. Auch bei MR gibt es allerdings ein solches Ding an sich, das selbst keine Konstruktion sein soll, sondern wohl die Basis aller Konstruktionen, nämlich das „reine Gewahrsein“, ein in der Meditation erlebbarer Zustand, in dem das Bewusstsein selbst ohne irgendwelche Bewusstseinsinhalte erlebt werden kann. S. 305: „Reines Gewahrsein lässt alle mentalen Konstrukte und abschweifenden Gedanken zu, ist jedoch selbst kein Konstrukt“.

Dieser Diskussionsstand ist unbefriedigend, da das hermeneutische Zirkelargument ein Henne/Ei Problem ist. (Jede Aussage setzt auch neuronale Aktivität voraus) Ein radikaler Konstruktivismus wird von keinem durchgehalten, wäre aber die einzige Lösung des Problems. Deshalb kommen wir wieder auf die Beeinflussbarkeit zurück. Hierbei ist nur die Frage von Bedeutung, wie immaterielle Prozesse, wie Gedanken, Überzeugungen und Werte, materielle beeinflussen können, relevant, nicht die umgekehrte, denn diese wird von niemand gestellt. Es scheint evident, dass meine Gedanken von neuronalen Prozessen verursacht werden können.

Vielleicht kommen wir einer Lösung näher, indem wir genauer fragen, was denn in diesem Zusammenhang eine Ursache und was eine Wirkung sein soll. Unter anderem ist hier die Frage der zeitlichen Abfolge relevant, denn die Ursache sollte ja der Wirkung in irgendeiner Weise vorausgehen. Dies ist aber für Bewusstseinsinhalte schwer vorstellbar, denn dann müsste ja die neuronale Aktivität, die z.B. die Vorstellung der Farbe Rot generiert, der Vorstellung der Farbe Rot irgendwie vorgängig sein. Das lässt sich aber kaum aufrecht erhalten. Sie haben eben etwas von der Farbe Rot gelesen und in diesem Moment konnten Sie sich die Farbe Rot vorstellen, für vorängige Prozesse bestand bis eben kein Anlass. Dennoch soll nicht bestritten werden, dass mit der Vorstellung der Farbe Rot auch irgendeine neuronale Aktivität verbunden war. Es scheint demnach Sinn zu haben, von einer Gleichzeitigkeit der neuronalen und der Bewusstseinsaktivität auszugehen. Wenn dem so ist, fällt ein wichtiges Charakteristikum von Ursache und Wirkung weg.

Wir aber kann man sich dann eine Beeinflussung vorstellen ?

Wenn ich vor einen Spiegel trete, hat es Sinn zu sagen, dass mein Davortreten die Ursache für mein Bild im Spiegel ist, auch wenn dies offenbar gleichzeitig geschieht. Umgekehrt hätte es keinen Sinn zu sagen, dass mein Spiegelbild die Ursache für mein Davortreten ist. Es gibt demnach noch andere Fälle von gleichzeitigem Auftreten von Ursache und Wirkung, weitere ließen sich konstruieren.

Eine Vorstellung wie die der Farbe Rot kann eine neuronale Aktivität auslösen, weil die Möglichkeit dazu bereits neuronal angelegt ist. Das ist die Vorbedingung, die WS auch selbst angibt. Wenn Sie nicht italienisch sprechen, löst das Wort „rosso“ keine Vorstellung der Farbe Rot aus, sondern eine andere neuronale Aktivität, die vielleicht etwas mit dem Klang oder der Buchstabenfolge zu tun hat, weil „rosso“ eben bei Ihnen nicht neuronal angelegt ist. Dadurch das „Rot“ wie ein Schlüssel in das Schlüsselloch der neuronalen Anlage passt, kann dieses Signal, das Wort „Rot“, eine neuronale Aktivität auslösen, die bei Ihnen die Vorstellung „Rot“ erzeugt. Ein Wort ist aber ein immaterieller Gegenstand und damit ist gezeigt, dass eine Beeinflussung oder besser gesagt eine Evokation eines materiellen Vorgangs durch einen immateriellen möglich ist. Ich verstehe nicht so ganz, warum WS das bestreitet.

Deshalb entsteht keineswegs zwingend ein dualistisches Welterklärungsmodell, wie WS es befürchtet. Wir sprechen von immateriellen Gegenständen, die in bestimmten Fällen auf bestimmte Gehirne einwirken können, nichts sonst. Umgekehrt wird leicht konzidiert, dass Gehirne immaterielle Gegenstände wie Wörter und Bedeutungen herstellen können. Warum dann die Angst vor dieser Wirkung ? Weil man sich irgendwie nicht vorstellen kann, wie etwas Immaterielles auf etwas Materielles einwirken kann. In der ersten Person-Perspektive erleben wir es dauernd: Ich lese dieses exzellente Buch von Wolf Singer und Matthieu Ricard, es bewegt mich, es bringt mich dazu, etwas zu tun, mit meiner Frau darüber zu sprechen, eine Kritik zu schreiben usw. Schwierig wird es aus der 3.-Person Perspektive: Wie kann eine Vorstellung auf eine neuronale Struktur einwirken ? Was passiert da genau ? Aber diese Frage kann deshalb nicht beantwortet werden, weil dieses „es passiert“ nur im materiellen Sinn gemeint ist. Also was passiert auf chemischer und/oder physikalischer Ebene. Und das ist eben nicht alles, was da passiert. 1

Man kann das nur mit einem anderen immateriellen Gegenstand erklären, dem Vor-Wissen. Sinneseindrücke bleiben nicht isoliert nebeneinander stehen sondern werden zu einer bestimmten Gestalt zusammen gefasst: Hitze, orange und rote Bewegungen in der Luft, laute Geräusche sind Sinneseindrücke, die ein menschliches Gehirn zur Gestalt Feuer zusammenfasst, die wiederum mit „Gefahr“ usw. verbunden wird. Eine Kamera kann dies auch alles aufnehmen und übertragen (man wird aber nicht „sehen“ dazu sagen) aber sie wird nicht weglaufen, da sie aus den Sinneseindrücken keine Gestalt formt. Ein Roboter könnte das, wenn er entsprechend programmiert ist.

Eine Gestalt ist nun aber auch schon ein immaterieller Gegenstand.

Ich finde die Übergänge recht einfach zu verstehen. Auch die materielle Welt hat die mannigfaltigsten Erscheinungsformen: Stein, Wasser, Gase, Organismen, Wellen werden alle der materiellen Welt zugerechnet auch hier gibt es viele Übergänge, warum sollten komplexe neuronale Netzwerke nicht in der Lage sein immaterielle Gegenstände zu erzeugen oder von ihnen affiziert werden, so wie z.b. atomare Schwingungen Lichtwellen erzeugen können ?

Ich glaube nicht, das es Sinn hat, zweigleisige Welterklärungen zu erzeugen. Ich gebe auch der materiellen Welt insofern den Vorzug, dass ich mir zwar eine Welt ohne Bewusstsein vorstellen kann, das wäre einfach eine Welt, in der es keine komplexen Gehirne gibt, aber ich kann mir nicht eine Welt vorstellen, in der es Bewusstsein aber keine Gehirne und andere materielle Dinge gibt. Aber das sind alles Spekulationen, die zu nichts führen, weil Dualität selbst eine Konstruktion ist.

Eine Konsequenz der Abschottung der materiellen Welt gegen die immaterielle ist die Negation des freien Willens. Wenn unsere Gedanken nur Folgen neuronaler Aktivitäten sind, dann ist klar, dass die getroffene Entscheidung die einzig mögliche war, der Handelnde also keine Entscheidungsmöglichkeit hatte. Denn materielle Abläufe lassen sich nur als eine Kette von Ursachen und Wirkungen verstehen, die irgendwie determiniert sein müssen, auch wenn wir die Determination oft nicht verstehen.

Anders ist es, wenn man glaubt, dass immaterielle Vorgänge auf Materielle einwirken können. Denn Handlungen haben im Unterschied zu Abläufen keine Ursachen sondern Gründe. Diese Gründe werden in Gesellschaften bewertet. Aus diesen Bewertungen heraus werden dann die Handelnden belobigt oder bestraft. So gibt es „viele gute Gründe“, einen Menschen zu erschlagen, im Krieg, wenn es der Feind ist, im Frieden, wenn es Notwehr ist, in den USA des 19. Jahrhunderts, wenn es ein Nigger ist, in Deutschland der 40er Jahre, wenn es ein Jud ist. Und natürlich gibt es viele schlechte Gründe, einen Menschen zu erschlagen.

Vorausgesetzt wird jeweils, dass sich Menschen entscheiden können, sonst hat das Belobigen und Bestrafen keinen Sinn. Wenn ich versehentlich einen Menschen mit dem Auto verletze, werde ich nicht bestraft, sondern muss den Schaden wieder gut machen, indem ich z.B. die Arztkosten bezahle. Wenn ich doch bestraft werde, dann aus dem Grund, dass unterstellt wird, ich hätte besser aufpassen können und das habe ich versäumt. Dann habe ich es zwar nicht willentlich getan, trage aber doch die Verantwortung, denn es war eben nicht 100% versehentlich: Ich hätte etwas tun können, um den Schaden zu vermeiden. Wenn ein selbstfahrendes Auto einen Menschen verletzt, dann wird es nicht bestraft sondern wahrscheinlich so umgebaut, dass so etwas nicht wieder passieren kann. Denn es kann keine Verantwortung tragen. Es kann keine Verantwortung tragen, weil es sich nicht entscheiden kann. Nun behauptet WS erstaunlicherweise, dass sich in unserem Rechtssystem gar nichts ändern würde, wenn sich seine Überzeugung durchsetzte, das Menschen keine freie Entscheidung treffen können: „Der Ansatz, dass die Entscheidung eines Einzelnen das Ergebnis neuronaler, den Naturgesetzen unterworfener Prozesse ist, und dass es in diesem Moment keine Alternative gab, bedeutet nicht, dass diese Person nicht für ihre Handlung verantwortlich wäre. Wen könnte man sonst zur Verantwortung ziehen ?“ S. 242

Warum bedeutet das das nicht ? Was soll der letzte Satz für ein Argument sein ? Bedeutet diese Frage nicht schon, dass man jemand zur Verantwortung ziehen kann ? Wie oben gesagt, ein selbstfahrendes Auto würde man auch nicht zur Verantwortung ziehen, sondern es reparieren. Unser Strafrecht verurteilt ja nicht in erster Linie die Tat, sondern das Motiv der Tat. Wenn ich meinen Nachbarn erschlage, um ihm sein Portemonaie zu stehlen, werde ich wegen Mordes verurteilt und bekomme dafür lebenslänglich. Wenn ich den gleichen Nachbarn mit meiner Frau im Bett erwische und außerdem noch betrunken bin, ihn dann erschlage, werde ich wegen Totschlags zu vielleicht 10 Jahren verurteilt. Mildernde Umstände können die Strafe sogar noch verkürzen. Das Ergebnis ist aber in beiden Fällen das gleiche: mein Nachbar ist tot.

Das bedeutet, dass unser Strafrecht das Tatmotiv mindestens ebenso ernst nimmt, wie die Tat selbst, da es eben davon ausgeht, dass eine Wahlmöglichkeit besteht, die im zweiten Fall emotional eingeschränkt war, im ersten aber nicht.

Nach WS müsste man die Strafe als eine Art Reparatur des Täters definieren, das deutet WS auch an, dann wäre er ein Patient, die Strafanstalt eine Heilanstalt, die Vollzugsbeamten eigentlich Ärzte. Andererseits beharrt WS doch auch auf der Verantwortung, da der Täter ja immerhin Urheber der Tat war. Diesen Widerspruch löst die Diskussion nicht auf. Er wird sehr deutlich, wenn es dann um entsetzliche Verbrechen geht, z.B. die von Nazischergen im KZ, denen dann doch die Patientenzuschreibung entzogen wird.

In dem exzellenten Buch von Singer und Ricard bleibt noch eine Frage unbeantwortet: MR hält im Unterschied zu WS die freie Willensentscheidung für möglich. Da aber für MR das Ich oder Selbst eine Illusion ist, muss er wohl sagen, welche Instanz – wenn nicht Ich – eine freie Willensentscheidung zu treffen vermag.2

Das unterbleibt jedoch bedauerlicherweise. Insgesamt ist in der buddhistischen Literatur wenig Erhellendes dazu zu finden. Bei der Suche kommt man immer wieder auf Titel wie „Freiheit vom Selbst“ usw. aber nie zur Freiheit des Selbst. Da aber in allen Schriften durchaus zu irgendetwas aufgefordert wird, zum Loslassen, zum Nicht-Anhaften, zum im-Hier-und-Jetzt-sein etc, fragt sich doch, wer der Ansprechpartner sein soll, der diese Entscheidungen trifft, denn Entscheidungen sind es, ob ich am Morgen aufstehe und meditiere, oder im Bett bleibe, ob ich Fleisch esse oder nicht, ob ich meinen Aggressionen freien Lauf lasse oder meinen Nächsten damit verschone.

Ich bin im Übrigen ganz der Auffassung von MR: Wir müssen von der Möglichkeit der freien Willensentscheidung ausgehen wenn wir nicht in Teufelsküche kommen wollen. WSs Versuch, uns zu erklären, dass sich fast nichts ändert, wenn wir die Möglichkeit der freien Willensentscheidung verneinen, verfängt nicht, wie oben dargestellt.

Die Lösung, die es ermöglicht, sowohl die Lehre vom Nicht-Selbst als auch die der Möglichkeit der freien Willensentscheidung aufrecht zu erhalten, ist, die Vorentscheidung, dass es sich nämlich um eine Instanz, ein Ich, ein Selbst, einen Entscheider (wie auch immer man es benennen will) geben muss, fallen zu lassen. Diese Instanz gibt es nicht, das macht auch Singer aus neurologischer Sicht sehr deutlich. Ihm zufolge ist so etwas im Gehirn nicht zu finden. Demnach kann es sich nicht um einen Entscheider (oder Entscheiderin) handeln, sondern um viele einzelne Stimmen. Das ist auch sowohl unsere Alltagserfahrung, die vielen Stimmen in uns, die oft nicht gerade einen harmonischen Chor abgeben, sondern eher eine chaotische Kakophonie, als auch der Befund der neurologischen Forschung: Beim Denken funken die Neuronen aus vielen Arealen, mit verschiedenen Frequenzen und Rhythmen und koordinieren sich erst dann, wenn der Mensch eine Entscheidung gefunden hat. Sich entscheiden heißt auf Gehirnebene rhythmisieren.

Wenn wir diese Entscheidung nun mitteilen oder ausführen, sind wir überzeugt, dass wir es waren, aber dieser Sprecher oder Ausführer ist eben nur in etwa der Pressesprecher des Gremiums oder auch der Handlanger, der Hausmeister, nicht aber der Entscheider. Im Gegenteil das Kanzleramt (ohne Kanzlerin !) will keinesfalls, dass der Pressesprecher selbst irgendwelche Entscheidungen trifft. Täte er’s, wäre er seinen Job wohl alsbald los.

1 Die spannende Frage wäre natürlich, wie das genau passiert. Hier täte sich ein riesiges Forschungsfeld auf, nur bisher geht niemand über diesen Fluss, obwohl WS schon sehr dicht am Ufer steht. Bislang okkupieren die Nur-Materialisten die One-World These, die Auch-Materialisten wie MR werden auf das dualistische Ufer gedrängt, oder lassen sich darauf drängen.

2 Diese Schwierigkeit hat WS natürlich nicht, obwohl er, wie MR, das Ich für eine Illusion hält.

 

 

 

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