Das Wissen und das Leben

Schwer zu sagen, wie einfach das Leben ist

… und da deine Handlungen im Ganzen so einen minimalen Effekt auf dein Leben und die Welt haben, ist es möglich, dass du überhaupt noch lebst. Denn hätten sie die Wirkung, die du ihnen gerne zuschriebest, dann wäre dein Hiersein schon vor langer Zeit verwirkt. Deine Lebenskräfte, deine animalischen Energien sind zum Glück um ein vielfaches stärker als deine bewussten Taten, als dass deine normalerweise auftretenden Fehler ein großes Gewicht haben könnten. So kannst du, um einmal eine Zahl zu nennen, 1000 mal in Folge einen Fehler machen, ohne dass es etwas ausmacht, aber manchmal, vielleicht in der 1001 Nacht, solltest du mal was richtig machen, sonst kann es böse für dich enden.

„In alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat“, so beginnt das Märchen „Jorinde und Joringel“ und es ist ein grausames Märchen, wie nicht anders zu erwarten, denn nichts wäre furchtbarer, als wenn das Wünschen etwas hülfe, nichts ist schrecklicher, dümmer, destruktiver als die Wünsche der Menschen. Tiere können sich nichts wünschen, deshalb gibt es sie länger, deshalb sind sie zahlreicher, erfolgreicher, klarer und klüger, deshalb wird es sie nach uns noch lange geben.

Es kann lange dauern, oft reicht ein Leben nicht, dass einer versteht, dass die Wünsche keine gute Richtschnur sind, denn die Wünsche schießen ins Kraut, sie sind völlig ungepflegt, unerziehbar, sie sind Raketen, die in den Nachthimmel schießen und da wunderschön verglühen, nicht ahnend, dass der Pyrotechniker heute, wie immer, dem Alkohol im Übermaß zugesprochen hat.

Wissen ist eine Flamme, die sich davon nährt, dass eines vom anderen geschieden wird, sie verbrennt, was sie nicht weiß, zugunsten dessen, was sie weiß, um dann später zu erkennen, dass es nun nichts mehr zu erkennen gibt, denn das Gewusste zerfällt ohne das andere ebenfalls zu Asche. Ein Beispiel: Wissen ist wie eine Fotografie, die zwar augenscheinlich die Realität irgendwie abbildet (wir nehmen mal ein „normales“, nicht bearbeitetes Foto an), aber dieses Foto, das ja immer ein Ausschnitt, eine Auswahl des Fotografen ist, kann nur deshalb ein Foto sein, weil wir „die Realität“, aus der es ein Ausschnitt ist, ja kennen und deshalb die „Ausschnitthaftigkeit“ des Fotos beurteilen können. Es verwirrt uns nicht, wir können es verstehen und es kann uns deshalb auch etwas zu verstehen geben. Das Wissen hat aber einen anderen Charakter: Es verlangt explizit, nicht Kunst zu sein, sondern die Realität abzubilden, also eigentlich kein Foto zu sein. Dieses Verlangen, von dem die Meisten auch überzeugt sind, negiert dann aber den Hintergrund, vor dem es besteht. In unserem Fotobeispiel wäre der Hintergrund eben wieder die Realität. Wenn nun die Fotografie verlangte, dass es nur Fotorealität gäbe, dann würde es keine Fotos mehr geben, wir würden Fotos nicht mehr als Fotos verstehen können, wir wären sehr verwirrt.

Wissen hat aber heute diesen verwirrenden Charakter angenommen. Zum Glück noch mit wenig Erfolg. Zum Unglück der sogenannten industrialisierten Welt mit viel Erfolg. Die sogenannte „Wissensgesellschaft“ vertraut auf der umfassenden Fähigkeit der Wissenschaft, die Realität in toto zu erkennen. So einfach wie verwegen ist ihr Anspruch. Da jedes Wissen aber Ausschnitt ist und sein muss, wird der Anspruch letztlich das Wissen selbst zerstören. Wir stehen hier vor einem echten Dilemma: Einerseits kann kann Wissen nur Ausschnitt sein, einfach wegen der Tatsache, etwas hervorheben zu müssen, was automatisch heißt, etwas anderes abschatten zu müssen, andererseits kann unsere Form des Wissens nicht anders gedacht werden, als mit dem Anspruch , prinzipiell alles wissen zu können.

Ich glaube schon, dass man dem Dilemma entkommt, aber das bedeutete eine große Veränderung unseres Wissenskonzeptes. Ein Wissenskonzept, dass akzeptiert, nur in bestimmten (wenn denn die Bestimmung so einfach wäre) Bereichen gültig zu sein.

Woher kommt der Allgültigkeitsanspruch unserer Wissenschaft ? Das ist sicher ein Resultat der Aufklärung, deren hervorragendste Operation doch wohl die Ersetzung Gottes durch den selbstbewussten Menschen war.

Wir (die industrialisierte Welt) werden zwangsläufig (mit Zwang, mit Schmerzen) von den anderen Weltteilen lernen: Dass Realität weit mehr heißt als Wissen. Wir werden es lernen, ohne es zu verstehen (wie man ja das meiste lernt, ohne zu verstehen). Dass Wissen nur eine Form der Weltaneignung, der Weltauseinandersetzung ist.

Das Leben (98% deines Daseins) ist ganz einfach und seit Jahrtausenden unverändert. Da du aber nur auf die 2 % deines Lebens schaust, die dein Wissen, deine Wünsche und deine Handlungen ausmachen, erscheint dir dein Leben kompliziert und schwer zu beschreiben und auch schwer auszuhalten. Das Komplizierte deines Lebens liegt aber in deiner Selbstsicht, deiner Beschreibung, in deinem zu dir selbst Sprechen.

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