Über die Leerheit der Dinge

Nachdem ich mit S. die Schwierigkeiten im Verständnis der Leerheit diskutiert habe, genauer, darauf bestanden habe, dass die Abwesenheit intrinsischer Essenz nicht mit der Abhängigkeit der Dinge von anderen Dingen begründet werden kann, denn das ist einigermaßen trivial und kein Essenzialist oder Realist würde das bestreiten; ein abhängiger Stuhl ist immer noch ein Stuhl; nun heißt es ja, das Ich gibt es aus genau den gleichen Gründen nicht, wie es keine Essenz gibt, es ist nur ein Fall von Abwesenheit von Essenz, natürlich ein besonderer Fall, weil es sehr viel mit uns macht, ob wir glauben, dass das Ich existiert oder nicht, aber systematisch gesehen sei es nur ein Fall unter vielen; nun habe ich weit weniger Schwierigkeiten, die Abwesenheit eines (meines) Ich zu denken und zu praktizieren, als beim Stuhl. Woran liegt das ?

Das liegt an meinen Möglichkeiten: ich werde und wachse und vergehe ohne Unterbrechung. Deshalb hat es keinen Sinn und keine Wahrheit, zu sagen: Ich bin ein solcher. Für dich hat das schon Sinn. Du kennst mich als den Langen mit den blauen Augen, der im November geboren ist usw. Den gibt es, es ist der, der in meinem Ausweis steht, diese polizeiliche Person.

Aber darum geht es nicht.

Mich gibt es nicht als Essenz oder als intrinsische Essenz, weil diese intrinsische Essenz gerade darin besteht, dass sie sich verändert. Das macht mein Ich aus, dass es sich verändert. Wenn es das nicht mehr tut, bin ich tot.

Mit dem Stuhl ist es gerade so: Stühle leben zwar nicht in dem Sinne, wie Menschen, Tiere oder Pflanzen aber doch in einem anderen: Über ihre Funktion. Die Funktion ist die Verbindung der Dinge mit der Welt. Und in der Funktion liegen nun die Möglichkeiten auch eines Stuhls: Er kann eine Sitzgelegenheit sein, eine Liegegelegenheit für unseren Kater, ein Haus für ein kleines Kind, eine Leiter für den Handwerker, ein Bock für den Schreiner und schließlich auch ein Jackenhalter, ein Modell für einen Maler, eine Ablage, Brennholz. Wenn der Stuhl überhaupt keine Möglichkeit mehr hat, ist er tot.

Man muss bedenken, dass die Dinge oft ein wesentlich längeres Leben haben als wir und wir deshalb geneigt sind, ihre Beständigkeit, ihre Gleichförmigkeit, eben eine Essenz anzunehmen. (z.B. sind die Schöninger Speere 400000 Jahre alt) Aber diese Zuschreibung hängt wesentlich mit unserem kurzen Leben zusammen. Lebten wir mehrere 1000 Jahre, dann würden sicher anders über Essenz denken.

Die Erklärung der Leerheit erfolgt also besser über die Möglichkeiten als über das Entstehen. Zudem gibt man mit dieser Erklärung den Dingen auch ihr Leben zurück. Denkt man dies weiter, sieht man auch, was es mit dem Leben der Dinge auf sich hat: Je mehr Möglichkeiten ein Ding hat, je „multifunktionaler“ es ist, desto mehr Leben hat es. Massenproduktion, kurze Haltbarkeit und Monofunktionalität hat den Dingen ihre Würde genommen. Die Dinge rächen sich für ihre Wertminderung in Bezug auf ihre „Aura“, wie Benjamin sagen würde, durch ihre zügellose Vermehrung. Die Folge für die Menschen: Wir werden immer reicher an Dingen in einer immer ärmeren Welt.

2 Gedanken zu „Über die Leerheit der Dinge

  1. Ein Stuhl ist ein Stuhl, weil der Mensch ihn dazu gedacht hat. Aber wenn der Stuhl zerbricht, wird Brennholz draus. Man verfeuert ihn oder er rottet dahin.

    Der Stuhl ist ein Molekülgebilde aus vielen kleinen Teilchen, die nur durch wirkende Kräfte (Anziehung, Schwerkraft, …) gehalten werden und den Stuhl bilden. Moleküle an sich bestehen aus ganz wenig Masse und ganz viel Platz dazwischen, in dem die Kräfte wirken.

    Wer macht aber den Geist des Menschen?

    PS: Und könnte man dann abnehmen, wenn man von dem Göttlichen angezogen wird?

  2. Lieber Carsten, als Produktdesigner bin ich wahrscheinlich kein Fachmann in der Frage, wann ein Stuhl wahrhaftig da ist und wann er nur als geistige Konstruktion Bestand hat.
    Aber ich kenne drei Prozesse, die einen Stuhl zum Teil unse-res Lebens machen: Die Herstellung, die Verwendung und den Untergang. Ein Stuhl verändert sich mit diesen Prozes-sen und wie du selbst sagst, ist er darin dem Ich ähnlich. Nur das Totsein von Stühlen sehe ich anders – sie sind, soweit ich weiß, immer tot. Sie werden zum Stuhl durch diese Prozesse und das mag sie lebendig erscheinen lassen.
    Nehmen wir doch mal an, wir setzten uns auf einen großen Stein. Er wird ein Objekt unserer Tat und ein Objekt unserer Erinnerung. Er bekommt nicht mal einen Namen, nur ‚Stein‘. Er wird umschrieben, wenn wir über ihn sprechen wollen, später wird die Umschreibung sein Namen. An die anfänglich zufällige Auswahl des Steins knüpfen wir die Handlungen wie Hinsetzen und Aufstehen und geistige Prozesse, besonders die Erinnerung. Das gehört zu seiner Herstellung und zur Verwendung als Sitz.
    Ich glaube, dass erst diese Prozesse die Objekte für uns er-schaffen. Die Prozesse wie Hinsetzen und Erinnern sind da-bei noch weiteren Bedingungen unseres Daseins unterwor-fen: wir sitzen anders, wenn wir Hunger haben, unsere Erin-nerung wird anders, wenn wir verliebt sind.
    Auf dieser Basis scheint mir die Idee der intrinsischen Essenz eines Gegenstandes unsinnig. Ich weiß, dass dies eine Grundfrage der Philosophie berührt, aber das ist ein anderes Thema.
    Auch an eine extrinsische Essenz mag ich nicht glauben, denn diese müsste durch eine Einigung der Subjekte entste-hen. Schon weil die Einigung erst ‚entstehen‘ müsste, wäre auch sie den Bedingungen aller ihrer Subjekte unterworfen und die können ja nie gleich sein, wenn die eine Hunger hat und der andere verliebt ist.
    ‚Essenz‘ halte ich also für eine Konstruktion von als Subjek-ten. Sie ist in vielen Diskursen schon ewig sinnvoll, hilft aber für unsere Frage nach der Leerheit der Dinge nicht gerade weiter. (Wäre die Leerheit die Essenz?)
    Dinge bleiben tot und leer und wir werden ihnen kein Leben einhauchen. Multi- oder Monofunktionalität macht sie nicht lebendiger und da sie immer tot sind, können sie nie etwas tun, keine Würde haben und sich auch nicht rächen.
    Auch was du „Aura“ nennst, ist durch uns als Subjekte ge-macht und der Wert einer Aura ist ebenso ein geistiges Pro-dukt, das den Bedingungen der Subjekte unterworfen ist. Benjamin beschrieb damals, wie wir uns verändern, wenn wir zügellos Objekte kopieren. Heute brauchen wir, glaube ich, eine Beschreibung, wie der zügellose Untergang und das Vergessen der kopierten Objekte uns verändert. Die Welt wird nicht ärmer, sondern ist noch zu arm, um die dazu gehörenden Handlungen und geistigen Prozesse des Unter-gangs zu verstehen und dann auch konstruktiv zu steuern.

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